Wo fange ich am besten an?
Vielleicht erstmal dazu, wie ich auf die Idee kam eine Pilgerreise zu machen: Seit dem Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling war ich infiziert. Die Idee von Freiheit und Gemeinschaft, von Abenteuer und Grenzerfahrung schien mir so reizvoll, dass ich unbedingt auch einmal pilgern wollte.
Ein sehr schlimmer, privater Schicksalsschlag führte dann schließlich dazu, dass der Zeitpunkt für meine Pilgerreise gekommen war. Im Internet stieß ich auf den Portugiesischen Jakobsweg, welcher in zwei Wochen zu schaffen ist. Genaugenommen gibt es drei Jakobswege, welche von Porto nach Santiago de Compostela führen: Den „Da Costa“ welcher teils am Meer, teils durch das Inland führt, den „Central“, er führt ausschließlich durch das Inland von Porto nach Santiago de Compostela und den „Senta litoral“, welcher immer an der Küste entlang führt. Da ich einen freien Kopf und möglichst wenig Reize von außen bekommen wollte entschied ich mich für den 280 km langen „Senta litoral“. Ich dachte, die frische Meeresprise und der endlose Horizont würden meinem Geist und meiner Seele sicher gut tun.
So kam es, dass ich im Januar einen Hin-und Rückflug nach Porto buchte. Meine Reise sollte im Oktober starten und ich hatte 17 Tage dafür vorgesehen. Nachdem ich meine Flüge gebucht hatte bestellte ich noch einen Pilgerausweis und trat in den „sozialen“ Medien sämtlichen Internetforen zum Thema pilgern bei. Ab jetzt zählte ich die Tage bis zum Abflug und wann immer ich traurig oder niedergeschlagen war verlieh mir die Aussicht auf meine Pilgerreise neue Kraft und Zuversicht.
Ich hatte Hin-und Rückflug nach, bzw ab Porto gebucht, da ein Gabelflug (Flug mit unterschiedlichem An- und Abreise Flughafen) viel teurer gewesen wäre. Meinen Rucksack habe ich aufgegeben, weil ich ein Taschenmesser mitnehmen wollte. Die Rückreise von Santiago de Comostela nach Porto ging problemlos mit einem Reisebus, den ich 3 Tage im Voraus online gebucht hatte.
Am 4. Oktober 2024 war es dann endlich so weit, mein Rucksack war gepackt und ich machte mich auf den Weg. Laut Internetforen sollte ein Rucksack auf keinen Fall mehr als 10% des eigenen Körpergewichts wiegen. Bei meinem Gewicht von 75kg also 7,5kg. Mein Rucksack wog stolze 12 kg, doch auf mehr konnte, und wollte ich einfach nicht verzichten. Der Durchschnittspilger oder die Durchschnittspilgerin in Internetforen trug gefühlt in Schnitt maximal 4,5kg. Deshalb schämte ich mich fast ein wenigt für mein großes Gepäck. Auf meiner Reise stellte ich jedoch fest, dass es auch einige PilgerInnen mit schwereren Rucksäcken gab, nur vermutlich trieben die sich nicht in Internetforen rum. Im Internet las ich auch, dass die Angst eines Menschen, oft mit dem Gewicht des Rucksacks korreliert. Dies konnte ich wiederum ein stückweit nachvollziehen. Um gegen meine Angst und damit auch gegen mein Rucksackgewicht vorzugehen beschloss ich auf meiner Reise bei jeder Unterkunft einen Gegenstand oder ein Kleidungsstück aus meinem Rucksack zurück zu lassen.
Meinen Rucksack, einen Deuter Air Contact SL (40 Liter) habe ich gebraucht gekauft für 120 Euro. SL bedeutet Slim Line und ist für Frauen entwickelt worden. Bei meinem Modell handelt es sich nicht um das LITE Modell, deshalb hat er ein relativ hohes Eigengewicht von 2170 g. Trotzdem habe ich meinen Kauf nicht breut. Mein Rucksack saß perfekt und ich hatte keinerlei Rückenprobleme.
Meine Packliste: Schlafsack, Baumwollleggins + langes Shirt für die Nacht, Sportleggins, langarm Merinoshirt (sehr zu empfehlen), langarm Wandershirt (entsorgt), Fleecejacke, Regenponcho, kleine Tasche für Einkäufe und Handgepäck, Turnschuhe, Badelatschen, 3 Paar Socken, 3 BH’s, 4 Unterhemden (nach und nach entsorgt), 5 Unterhosen (nach und nach entsorgt), Taschenlampe, Taschenmesser, Kernseife, Zahncreme (Ajona), Zahbürste, Kernseife in Netzsäckchen (für Körper und Wäsche, verloren), S Haken um den Rucksack am Hochbett außen aufhängen zu können (sehr zu empfehlen), Leukoplast, Bebanten, Lippenbalsam, Kytta Salbe, Kerze (entsorgt), Streichhölzer, Ohrstöpsel, Sicherheitsnadeln, Microfaser Handtuch, Reiseführer, Tagebuch, 2 Stifte, Ladekabel, 2 Sonnenbrillen (eine entsorgt), Sonnencreme (entsorgt), Wäscheleine (entsorgt), Trinkbecher (entsorgt), Taschentücher, Schmerztabletten > Alles in Tüten verpackt zwecks Ordnung und Regenschutz; Tagesproviant
Am Körper: Zip-Wanderhose, Wanderschuhe (halbhoch Meinel), Wandersocken, Unterwäsche, Langarmshirt (entsorgt), Windjacke, Mütze, Schal, alstuch, Bauchtasche, Handy
Nachträglich gekauft habe ich: Wanderstöcke, 2 Kniebandagen, Blasenpflaster
*Bei den entsorgten Dingen handelte es sich um wirklich alte Kleidung, die ich in den Monaten davor extra aussortiert hatte.
Die erste Woche
Beim Pilgern ist man nur selten ganz alleine, fast immer befinden sich andere PilgerInnen in Sichtweite. In der ersten Woche fand ich also immer wenn die Einsamkeit zu groß wurde andere PilgerInnen, mit denen ich mich unterhalten konnte. Anfangs genoss ich die Anonymität, denn viel interessanter als die Frage nach dem „Wer“ war die Frage nach dem „Warum“, die oft gestellt wurde. Da es klar war, dass man sich nie wieder sehen würde wurde auch sehr offen über persönliche Erlebnisse und Erfahrungen gesprochen. Fast alle PilgerInnen mit denen ich ins Gespräch kam hatten sich aus ganz bestimmten Gründen auf den Weg gemacht. Oft waren es Schicksalsschläge, die auf diese Weise verarbeitet werden sollten. Der Austausch half mir meine Gedanken zu sortieren und zu erkennen, wie wertvoll und gleichzeitig fragil das Leben ist. Nach einigen Tagen fühlte ich jedoch eine gewisse Einsamkeit in mir aufsteigen, die Small Talks schienen doch nicht ausreichend zu sein. Ich suchte Anschluss an eine Gruppe, ich wollte Freunde finden. Andere, denen ich in den ersten Tagen begegnet war hatten sich schon längst zu kleinen Gruppen zusammen gefunden, gefühlt lief nur ich die ganze Zeit mehr oder weniger alleine.
Neben der Einsamkeit machten mir der Dauerregen und der starke Wind sehr zu schaffen. Ja, ich hatte wirklich Pech mit dem Wetter und obwohl ich sehr gute Regenkleidung hatte und seltsamer Weise nie vom Regen durchnässt wurde, machte mir das Fehlen der Sonne doch nach ein paar Tagen zu schaffen.
Meine 1. Caminho Wunder
Wiedermal war es am Regnen, seit drei Stunden war ich alleine unterwegs und meine Motivation bis nach Santiago de Compostela zu laufen war wirklich sehr gering. Meine Knie und eine Blase am großen Zeh schmerzten und ich suchte nach einer Einkehrmöglichkeit. Nach ein paar Kilometern sah ich eine Kneipe, die geöffnet zu sein schien, von außen machte sie zwar nicht den besten Eindruck, trotzdem war mein Bedürfnis nach einer Pause mittlerweile so groß, und der Regen so stark, dass ich beschloss in der Kneipe einzukehren. Der Kneipenraum war mit einem langen Tresen ausgestattet, der über die gesamte Länge des Raumes reichte und mit vielen kleinen Speisen, Dosen, Flaschen und einer großen Kaffeemaschine bestückt war. Der Kneipenraum war ansonsten eher spartanisch eingerichtet. Im Raum standen viele viereckige Tische und an einem davon saßen zwei ältere Herren hinter einem Bier und unterhielten sich. Ich gab als erstes meine Bestellung auf und zog dann mein regennasses Poncho aus, um es an einem Fenstergriff aufzuhängen. Gerade als ich mich setzen wollte kam einer der beiden älteren Herren vom Nachbartisch auf mich zu und redete wild auf mich ein. Er sprach Portugiesisch und ich verstand zwar nicht seine Worte, doch der Herr zeigte immer wieder auf mein Ohr und so fühlte ich nach, ob mit meinem Ohr alles in Ordnung sei. Sofort fiel mir auf, dass ein Ohrring fehlte. Ach schade, dachte ich, aber ich hatte bewusst nicht meine besten Ohrringe mitgenommen, und so hatte ich einen guten Grund mir in Santiago de Compostela neue Ohrringe zu kaufen. So bedankte ich mich bei dem Mann für den Hinweis und versuchte ihm zu erklären, dass es zwar schade um den Ohrring sei, aber eigentlich auch kein größeres Problem. Mittlerweile hatte der Kellner auch schon meine Bestellung geliefert und ich sehnte mich danach einfach endlich zu sitzen und meinen heißen Espresso zu genießen. Doch anstatt sich wieder hin zu setzen begann der Mann den Boden nach meinem Ohrring abzusuchen. Der Kellner hatte mittlerweile wohl auch mitbekommen, dass ich meinen Ohrring verloren hatte. Er fing an mit seiner Handytaschenlampe unter den Tresen zu leuchten um dort vielleicht meinen Ohrring zu finden. Jetzt konnte ich mich natürlich nicht hinsetzen und den beiden Herren beim Ohrringsuchen zuschauen, also begann ich nun auch den Boden nach meinem Ohrring abzusuchen. In meiner Beschämung kniete ich mich auf den Boden, ein wilder Schmerz zog in meine Knie, und schaute ebenfalls unter den Tresen. Jedoch all das Suchen half nichts, mein Ohrring war verschwunden. Nach einiger Zeit gab mir der ältere Mann zu verstehen, dass er nun leider wieder arbeiten müsste. Er zahlte und verlies mit seinem Kollegen die Kneipe. Somit setzte ich mich nun endlich an meinen Tisch um mein, mittlerweile auf Raumtemperatur abgekühlten Espresso zu trinken. Auch der Kellner schien nicht weiter motiviert zu sein nach meinem Ohrring zu suchen. Er verschwand in einem anderen Raum und so genoss ich die Ruhe und kramte in meinem Rucksack nach meinem Tagebuch. Doch gerade als ich anfangen wollte, das eben erlebte in mein Tagebuch zu schreiben, kam der Kellner zurück. Vor ihm lief zielstrebig eine, vielleicht 75 jährige Frau. Sie war vermutlich seine Mutter und die Chefin des Hauses. Beide kamen zu meinem Tisch, redeten auf Portugiesisch auf mich ein und die betagte Dame kniete sich neben meinem Stuhl auf den Boden und fing an mit ihren Händen den Fußboden nach meinem Ohrring abzutasten. Ich sprang schnell wieder auf, kniete mich neben die alte Dame und suchte ebenfalls, den Boden abtastend, weiter nach meinem Ohrring. Mittlerweile waren noch zwei ältere, kräftige Damen gekommen, die sich in einer hinteren Ecke des Raumes an einen Tisch setzten. Die Chefin erzählte den Damen von meinem Ohrring während ich nochmal den Boden vor der Theke absuchte. Mittlerweile versuchte der Kellner erfolglos mit einem Schraubenzieher die Verblendung seines Tresens abzuschrauben. Während wir nun bestimmt schon eine halbe Stunde nach meinem Ohrring suchten zahlten und verabschiedeten sich die beiden Damen und verließen die Kneipe. Jetzt reichte es, ich wollte endlich diesen Ohrring finden, damit wir alle aufhören könnten zu suchen, deshalb beschloss ich nun jeden Zentimeter des gesamten Thresens von ganz links bis ganz rechts nach meinem Ohrring ab zu suchen. Ich begann ganz links in der Ecke des Raumes und schaute unter den Tresen und siehe da, ungefähr 5 Zentimeter unter dem Thresen lag mein Ohrring. Seither hatte niemand an der Stelle gesucht, weil es wirklich ein Stück entfernt von mir was, der Ohrring musste dahin gerollt sein. Was für eine Freude, dass wir ihn endlich gefunden hatten. Die Chefin riss eilig die Türe der Kneipe auf und rief den Frauen, die eben gegangen waren hinterher, dass wir den Ohrring gefunden hatten. Ich war wirklich beeindruckt von der unglaublich großen Hilfsbereitschaft dieser Menschen und neben meiner Beschämung spürte ich eine tiefe Dankbarkeit und Wärme in mir aufsteigen. Mein inneres Camino Feuer was vor meinem Kneipenbesuch beinahe durch den Regen gelöscht wurde brannte wieder wohlig warm.
Mein 2. Caminowunder
Es war wieder mal am Regnen und meine Knie taten bei jedem Schritt mehr und mehr weh. Der Wind war heute so stark, dass ich nicht am Meer entlang laufen konnte, da bei jedem Schritt meine Wanderstöcke weg geweht wurden, ganz zu schweigen von meinem Regenponcho, welches dem Wind kaum stand halten konnte. Nicht mal andere PilgerInnen waren zu sehen und so beschloss ich den Senda Litoral zu verlassen und durch das Landesinnere zu laufen. Geleitet von Google Maps lief ich parallel zu einer viel befahrenen Autostraße. Die Straße war geteert, was ich als sehr angenehm empfand, da jede Unebenheit der Straße meine schmerzenden Knie zusätzlich belastete. Die Schmerzen im Knie überlagerten mittlerweile sogar die Schmerzen meiner Blase.
Nun lief ich wirklich ganz alleine, weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Wer würde auch bei strömenden Regen freiwillig auf die Straße gehen? Nun gut, vielleicht andere PilgerInnen, doch da ich fernab des offiziellen Jakobsweges war lief ich nun wirklich ganz alleine. Eine gute Möglichkeit um endlich mal zu weinen um all meinen Schmerz raus zu lassen. Doch just in dem Moment als die ersten Tränen meinen Blick verschwimmen ließen, sah ich in vielleicht 100 m Entfernung einen Mann mit seinem Hund um die Ecke biegen, er lief genau in meine Richtung und ich versuchte sofort mit weinen aufzuhören. Das gelang mir natürlich überhaupt nicht. Eher das Gegenteil war der Fall, die Tränen vereinigten sich zu zwei wilden Flüssen, denen ich kein Innehalten mehr gebieten konnte. Der Hundehalter kam schnurstracks auf mich zu. Ich beschloss mit möglichst schnellen Schritten an dem Mann vorbei zu laufen. Stur vor mich hin blickend und den Regenponcho tief in die Stirn gezogen.
Doch als der Fußgänger genau auf meiner Höhe war blieb er stehen und schrie mich fast an: „Why are you crying?“ Warum weinst Du? Ich hatte keine Wahl, der Fußgänger hatte mich enttarnt und so blieb ich stehen überlegte kurz und antwortete „Because of Life.“ Denn ich fand, das traf es ganz gut, schließlich wollte ich dem Herrn nicht meine ganze „Leidensgeschichte“ aufs Auge drücken. Der Mann schaute mich an und umarmte mich fest, anschließend sagte er: „Hör auf zu weinen, bist Du denn nicht glücklich?“ Ich fühlte einen Moment in mich hinein und während der Mann mich schon wieder feste umarmte fühlte ich neben all der Trauer und dem Weltschmerz auch ein bisschen Glück und Wärme in mir aufsteigen. Auf einmal ging es mir schon viel besser. Ich hörte auf zu weinen und bedankte mich schluchzend für die Umarmungen und die lieben Worte des Mannes, der sich von meinem nassen Poncho kein bisschen abschrecken ließ. Mit einen Buen Caminho und einer letzten herzlichen Umarmung liefen wir beide weiter unseren Weg und entfernten uns wieder voneinander. Mein Caminofeuer brannte wieder mit großer Flamme.
Mein drittes Caminowunder
Am 6. Tag hatte ich eine lange Etappe vor mir, auf der es keine Einkehrmöglichkeiten gab. Also packte ich mir extra Proviant ein und lief los. Als ich nach 13 km in eine Ortschaft kam tat mein rechtes Knie so sehr weh, dass ich wirklich kaum noch laufen konnte. Ich versuchte den Schmerz auszublenden, doch als ich dann eine Pause einlegte spürte ich den Schmerz so stark, dass ich nach der nächstmöglichen Übernachtungsmöglichkeit suchte. Ich fand in meiner App eine Pilgerherberge in 5 km Entfernung, dort reservierte ich ein Zimmer. Anschließend schrieb ich in mein Tagebuch über den heutigen Tag, über die Schmerzen in meinem Knie und dass ich unbedingt nochmal ein Caminho Wunder bräuchte, weil ich nicht wusste, wie ich den Weg zur Pilgerherberge schaffen sollte. Wie ich so da saß und schrieb kam ein Sprinter mit lauter Ragga Musik angefahren und hielt direkt vor mir an. Es war ein Rucksacktransporter. Der Fahrer stieg aus, holte einige riesige Koffer aus seinem Sprinter und brachte diese nach und nach in ein Hotel. Kurze Zeit später kam er schnellen Schrittes mit riesigen Koffern zurück um diese in seinen Sprinter zu verladen. Das war meine Chance, ich schrieb noch schnell eine Abmachung mit mir selbst in mein Tagebuch: Ich werde den Fahrer nicht fragen ob er mich mit nimmt, das verbietet mir mein Pilgergewissen, aber wenn der Fahrer mich fragen würde ob ich mitfahren will, muss ich auch nicht nein sagen.
Rucksacktransport
Für Menschen, die aufgrund von gesundheitlichen Beschwerden ihren Rucksack nicht mehr selbst tragen können gibt es Rucksacktransporter. Diese Transportieren das Gepäck für einen geringen Geldbetrag von einer Pilgerunterkunft zur nächsten. Prinzipiell eine gute Sache, schade nur, wenn dadurch die Gepäckstücke riesengroß werden.
Schnell kam ich über die Musik mit dem Fahrer ins Gespräch. Wir unterhielten uns in Englisch über Musik und über Rucksacktouristen mit riesigen Koffern und schließlich fragte mich der Fahrer, wo ich hin wollte und ob ich ein Stück mitfahren wollte. Natürlich sagte ich sofort zu und so fuhr ich die nächsten 10 km mit dem Rucksacktransporter. Es war ein komisches Gefühl, weil ich all die Pilger überholte, die mich auf den ersten 13 km überholt hatten. Bei manchen tat es mir leid, bei anderen freute ich mich auch nun doch als erste am Ziel zu sein. Meine Pilgerherberge stornierte ich und mein Fahrer organisierte mir eine neue Unterkunft in der übernächsten Stadt.
Als wir dort ankamen lud ich ihn noch auf einen Kaffee ein und er lud mich auf ein Musikfestival am kommenden Wochenende ein, was ich jedoch ablehnte, schließlich wollte ich doch an meinem Weg festhalten. Als ich aus dem Transporter ausstieg und zu dem Kaffee humpelte lachte der Fahrer und meinte, dass wir PilgerInnen schon verrückt seien, denn so, wie ich daher käme hätte ich doch keinen Kilometer mehr gehen können. In der Herberge angekommen legte ich mich erstmal ins Bett um meinem Knie etwas Ruhe zu gönnen und trotz der Schmerzen brannte mein Caminofeuer wieder mit warmer Flamme.
Reiseführer
„Der gelbe“ (Outdoor) von Raimund Joos, 236g, 256 Seiten, 11.7 x 1.2 x 15.7 cm, ISBN-13 : 978-3866865259
„Der rote“ (Rother) von Cordula Rabe, 224 Seiten, 11.5 x 1 x 16.2 cm, ISBN-13 : 978-3763348947
John Brierley, 270 Seiten, ENGLISCH, 11.75 x 0.64 x 19.05 cm ISBN-13 : 978-1912216321 > den hatte ich und war damit sehr zufrieden, gerade auch die spirituelle Seite des Pilgerns wurde sehr schön aufgegriffen in diesem Reiseführer. Von John Brierley gibt es auch einen Wanderführer mit Kartenmaterial der ebenfalls sehr gut sein soll.
Ich habe hauptsächlich mit meinem Handy navigiert. Dafür hatte ich folgende Apps:
Camino Ninja App, Rome2Rio, Google Maps, Buen Camino
Soziale Medien hatte ich vor Abreise deinstalliert.
Abbrechen oder weiter gehen?
In der darauffolgenden Nacht wurden meine Schmerzen im Knie so schlimm, dass ich einen Tag Pause einlegen musste. Ich beschloss am nächsten Tag einen Arzt aufzusuchen, denn so konnte und wollte ich nicht weiter machen. Als ich am nächsten Tag aufstand und ans Meer humpelte stellte ich allerdings fest, dass Sonntag war und weder Ärzte noch Läden geöffnet hatten. Also setzte ich mich an die Strandpromenade und fühlte mich richtig schlecht. Ich überlegte meine Reise abzubrechen und mit dem Bus zurück nach Porto zu fahren. Natürlich wollte ich Grenzerfahrungen und es war mir klar, dass eine Pilgerreise kein Wellnessurlaub ist, doch jetzt hatte ich genug. Ich wollte keinen Tag mehr durch den Regen laufen müssen, ich wollte, dass meine Knie aufhören zu schmerzen und ich vermisste Kontakt zu anderen Pilgern, aber wie sollte der auch zustande kommen, wenn ich mit einem Rucksacktransporter durch die Gegend fuhr. Ich hatte alles falsch gemacht und wollte einfach nur nach Hause.
Wenigstens war das Wetter heute etwas besser und da ich mich nicht viel bewegen konnte blieb ich so gut wie den ganzen Tag an der Strandpromenade sitzen. Ich dachte einfach nach…über meine Reise, über mein Leben, über Freunde, Zeit genug zum Nachdenken hatte ich ja. Immer wieder stellte ich mir die Frage, ob ich abbrechen oder weiterlaufen sollte.
Am Abend hörte ich LIVE Musik von einer Festung dröhnen. Musik, ja, da wollte ich hin, also biss ich die Zähne zusammen und humpelte mühsam hoch auf eine Anhöhung zu einer Festung, vor der eine Bühne mit einer Liveband aufgebaut war. Vor der Bühne standen einige Stühle, die alle besetzt waren. Seitlich neben den Stühlen tanzten Menschen zu der Musik. Wie gerne hätte ich auch getanzt, doch das war leider nicht möglich, also setzte ich mich auf eine Mauer und genoss die Musik und die fröhliche Stimmung der Konzertbesucher. Es war ein wunderschöner Abend mit traumhaftem Sonnenuntergang und die Musik schenkte mir neue Energie und Hoffnung. Als ich nach dem Konzert zurück zu meiner Herberge humpelte beschloss ich am nächsten Tag meinen Weg fortzusetzen.
Die zweite Woche
Am nächsten Morgen tauschte ich meine schweren Wanderschuhe gegen meine leichten Sportschuhe aus. Nach einem kleinen Frühstück bestehend aus Banane, Tee und Iboprofen lief ich in gewohnter Frühe los und kämpfte mich durch den Tag. Das Wetter war freundlich und ich war glücklich nicht aufgegeben zu haben. Der Weg fiel mir nicht leicht, doch ich kam gut voran. Der Schuhwechsel war die beste Idee gewesen. Ich lief sehr leichtfüßig und auch die Tatsache, dass ich alleine lief machte mir nichts aus. Ich war ein wenig stolz, dass ich meinen inneren Kampf überwunden hatte und ja, ich fühlte mich glücklich.
Unterwegs traf ich auf ein Kalifornisches Paar, was mich leichtfüßig überholte. Beide waren nur mit Handgepäck ausgestattet. Ich unterhielt mich mit den beiden. Sie erzählte mir, dass dies der erste Tag sei, an dem die beiden einen Rucksacktransport in Anspruch nahmen und das auch nur, weil sie eine Blase am Fuß habe. Als ich später Renate und Basti davon erzählte lachten die beiden nur, denn beide hatten seit Tagen komplett offene Füße und litten enorm unter den Schmerzen, trotzdem wäre für beide ein Rucksacktransport nie in Frage gekommen. Die Kalifornische Dame war leider etwas verstimmt, denn sie hatte noch keinen Kaffee bekommen und das war allerhand. So suchten beide verzweifelt nach einem geöffneten Cafe. Ich hatte noch ein bisschen Fußweg vor mir bevor ich mir einen Espresso gönnen würde und so lief ich alleine weiter meinen Weg. Irgendwann am späten Nachmittag überholten mich die beiden wieder. Jedoch ohne mir große Beachtung zu schenken. Ich machte mir nichts draus und lief weiter meinen Weg.
Meine Pilgerfamilie.
Heute beschloss ich wieder in einer öffentlichen Herberge zu schlafen. Von außen machte das Haus einen sehr guten Eindruck, es war sehr groß und hatte Räume, die mit je 30 Betten ausgestattet waren. Der mir zugeteilte Raum war schon fast voll und so musste ich im Etagenbett oben schlafen. Die unteren Betten waren natürlich immer als erstes belegt.
Offizielle Pilgerherberge: Preis pro Nacht ca. 10 bis 20 Euro; meist Mehrwettzimmer mit Etagenbetten, oft bekommt man Einwegbettwäsche für das Kopfkissen und die Matraze, als Decke nimmt man seinen Schlafsack oder kann gegen eine kleine Gebühr eine Decke ausleihen. Die Zimmer sind nicht reservierbar. Eine Küche ist meistens vorhanden.
Private Unterkunft: Preis Mehrbettzimmter ca.15 bis 25 Euro, kleinere Mehrbettzimmer, Zweibettzimmer, Bettwäsche, oft auch Handtuch, kann im Voraus gebucht werden.
Gerade als ich bemüht war meine Matratze und das Kopfkissen mit der üblichen Einwegbettwäsche zu überziehen sprach mich auf einmal eine Dame aus dem unteren Bett gegenüber an, nein, sie sprach mich nicht wirklich an sondern gab mir wild gestikulierend zu verstehen, dass sie eine Schere bräuchte. Ich holte mein Taschenmesser raus, klappte die Schere aus und fragte: „ Schere?“. Daraufhin fing die Dame an zu sprechen: „Du sprichst deutsch, ja was ein Glück, seit Tagen bin ich alleine unterwegs und habe niemanden zum Reden. Ich spreche kein Englisch und seit einiger Zeit habe ich keine Deutschen mehr getroffen. Das freut mich, dass ich endlich wieder jemanden zum Reden habe.“ Die Dame stellte sich als Renate aus Österreich vor und ich muss zugeben, dass ich anfangs fast etwas überfordert war von dem Redeschwall den Renate mir entgegen brachte. Trotzdem genoss ich die Unterhaltung und als Renate mich fragte ob wir zusammen einkaufen gehen sollten und anschließend noch was zusammen essen, freute ich mich doch auf einen unterhaltsamen Abend.
Als Renate mich zu Wort kommen lies erzählte ich, dass ich in Trier lebe. Kurz darauf meldete sich aus einer anderen Ecke des Raumes ein Englisch sprechender Pilger zu Wort: „ Did I hear Trier? My best friend lives there, I have been there already a few times. “ Die Stimme gehörte Sindre, einem Norweger mit Rauschebart und dem größten Pilgerrucksack der mir während meiner gesamten Pilgerreise begegnet ist. Später stellte sich heraus, dass dieser Rucksack an die 30kg wog und wann immer irgendetwas benötigt wurde, sei es Nahrung, Blasenpflaster oder Ohrstöpsel zog Sindre es aus seinem Rucksack um seinen Mitmenschen weiter zu helfen. Noch am selben Abend beschlossen Renate, Sindre und ich am nächsten Tag gemeinsam zu starten. Wiedermal brannte mein Caminofeuer lichterloh, ich hatte endlich eine Pilgergruppe gefunden mit der ich am nächsten Morgen um 7.30 Uhr los laufen würde. Endlich mal nicht alleine in den Tag starten. Ich freute mich wirklich sehr.
Der nächste Tag hatte es in sich, zum ersten Mal stand uns ein steiler Anstieg bevor. Trotz des schweren Rucksacks marschierte Sindre ohne eine einzige Pause den steilen Berg hoch. Renate und ich scherzten und nannten Sindre liebevoll „den Wikinger“ aufgrund seiner norwegischen wurzeln und seiner unerschütterlichen Kraft. Renate und ich hingegen schnauften schwer unter der Anstrengung und unser Bestreben den Anschluss zu Sindre nicht ganz zu verlieren hatten wir relativ schnell aufgegeben. Wäre ich alleine unterwegs gewesen hätte ich sicherlich ewig gebraucht den Berg zu bezwingen, mit der Gesellschaft von Renate war es jedoch gut machbar. Wir unterhielten uns, wir sangen Motivationslieder und schließlich liefen wir schweigend nebeneinander her. Oben angekommen wartete Sindre auf uns. Er ist Fotograf und konnte deshalb die Zeit ganz gut mit Fotos schießen überbrücken. Tagsüber trafen wir auf zwei Freunde von Sindre: Basti aus München und Perry aus Thailand. Obwohl wir alle wirklich, nicht nur altersmäßig, ganz unterschiedlich waren verstanden wir uns richtig gut und so wurde unsere kleine „Pilgerfamilie“ um zwei Familienmitglieder auf fünf erweitert. Ich war trotz der großen Anstrengung des heutigen Tages glücklich und fühlte mich einfach nur wohl in Gesellschaft dieser vier wunderbaren Menschen. Am Abend gönnten Renate und ich uns ein Doppelzimmer. Mein erstes Doppelzimmer nach 7 Nächten in Mehrbettenzimmern mit Etagenbetten. Welch ein Luxus. Die Betten waren leider nicht so gut, aber anzukommen und gefühlt den gesamten Rucksackinhalt, bis auf den Schlafsack, in einem Zimmer zu verteilen ohne alles gleich wieder einpacken zu müssen war einfach toll. Auch die Ruhe genoss ich sehr. Meinen Schlafsack brauchte ich heute nicht, weil die Betten mit frischer Bettwäsche ausgestattet waren. Herrlich! Abends gingen wir alle zusammen noch etwas essen um dann erschöpft in unsere Betten zu fallen.
Von nun an liefen wir alle Etappen zusammen. Dies bedeutet jedoch nicht, das wir ständig nebeneinander liefen, sondern wenn wir Gesellschaft brauchten unterhielten wir uns und wenn einer von uns Ruhe wollte war es auch völlig Ok einige Kilometer alleine zu laufen. Lediglich die Pausen verbrachten wir in geselliger Runde gemeinsam. In den Pausen trafen wir auch immer wieder auf Menschen, denen wir in den ersten Tagen begegnet waren, manche Begegnungen waren sehr freudig und unterhaltsam, andere waren eher oberflächlich und kurz, so auch meine regelmäßigen Begegnungen mit dem Kalifornischen Paar. Es war unglaublich, aber fast bei jeder Pause traf ich diese beiden. Immer mit kleinem Handgepäck ausgestattet, die Rucksäcke wohl in der Obhut des Rucksacktransporters, saßen sie in irgendeiner Ecke des Raumes und winkten mir zu. Aufgrund der regelmäßigen Begegnungen ernannte ich die beiden zu meinen Camino Schatten. Renate meinte, dass es auf Caminhos immer Menschen gibt, die einem ständig über den Weg laufen auch sie hatte eine Männergruppe aus Osteuropa, die uns ständigbegegneten. Und obwohl die Treffen mit dem kanadischen Paar nie sehr gesprächig oder gar tiefgründig waren fing ich doch an, die beiden zu mögen.
Da Renate keine Lust mehr auf Mehrbettzimmer hatte schliefen wir fortan im Doppelzimmer. Das war zwar im Schnitt 5 Euro teurer, aber nach einer Woche Mehrbettzimmer gönnte ich mir diesen Luxus sehr gerne. Mit Renate kam ich ganz wunderbar klar und wir hatten viel Spaß zusammen.
Fragen, die ich mir im Voraus gestellt hatte:
Laufe ich Gefahr Bettwanzen zu bekommen? Mir sind keine begegnet. Betten und sanitäre Anlagen waren immer sehr sauber und gepflegt. Trotzdem habe ich mir die Matratze immer kurz angesehen.
Kann ich meine Wäsche waschen? Es gab fast immer Waschmaschinen und Trockner in den Herbergen (incl Waschmittel), teilweise habe ich meine Kleidung auch von Hand gewaschen oder mir mit Renate eine Waschmaschine geteilt.
Wieviel Bargeld nehme ich mit? Ich hatte 300 Euro dabei und das hat gereicht. Mit EC Karte zahlen ist idR kein Problem.
Ist es gefährlich als Frau alleine zu laufen? Ich habe mich nie bedroht gefühlt oder wirklich Angst gehabt. Meistens waren auch andere PilgerInnen in Sichtweite.
Muss ich im Voraus buchen? Einmal kam ich an einen Campingplatz der geschlossen hatte, deshalb musste ich 3km zur nächsten Herberge laufen. Das war sehr anstrengend und ärgerlich. Ein anderes Mal kam ich zu einer Herberge die bereits ausgebucht war, da gab es allerdings einige Alternativen in unmittelbarer Nähe. Ab der zweiten Woche habe ich einen Tag im voraus gebucht um entspannter zu laufen. Santiago de Compostela habe ich einige Tage im voraus gebucht.
Die Ankunft
Auf den letzten Kilometern vor Santiago De Compostela verwandelte sich der Pilgerweg in einen unaufhörlichen Strom an PilgerInnen. Für die Anwohner muss es wirklich ziemlich belastend sein. Wir liefen in unzähligen Scharen durch die wunderschönen Gassen kleiner Dörfer und durch Wälder. Jetzt war es Oktober, wie überlaufen musste es dann erst im Sommer sein. Das gefiel mir wirklich nicht so sehr.
Meine Ankunft in Santiago de Compostela war etwas überschattet von der Traurigkeit über den Abschluss des Weges und die Tatsache, dass ich mich bald von meinen Freunden verabschieden mußte. Trotzdem gab es für mich einen magischen Moment: Als wir erschöpft vor der Kathedrale ankamen warf ich meine Hände in die Luft und brüllte so laut ich konnte. So groß war meine Freude, es doch geschafft zu haben. Als mein Schrei leiser wurde hörte ich ein lautes Drönen. Erst dann fiel mir auf, das nahezu der gesammte Platz in meinen Schrei mit eingestiegen war. Ein wahnsinnig schönes Gefühl und wirklich sehr magisch.
Mit uns kamen 2900 PilgerInnen an diesem Tag in Santiago de Compostela an. Es herrschte also ein sehr buntes Treiben vor der Kathetrale und ein freudiges Wiedersehen mit anderen PilgerInnen. Trotz bedecktem Wetter waren alle glücklich. Uns alle verband die Freude, es geschafft zu haben. Ein wunderschönes Gefühl, welches sich über alle Nationalitäten und Altersgruppen hinweg setzte.

